Die zwölf Jahre alte S7: Was an einer Siemens-Steuerung noch wartbar ist
Eine Bestandsaufnahme zur Wartbarkeit älterer Simatic-S7-Steuerungen. Ersatzteilverfügbarkeit, Programmier-Werkzeuge, Backup-Strategien und der Punkt, an dem ein Retrofit billiger wird als das Festhalten.
Es gibt in mittelständischen Werkhallen eine bestimmte Klasse von Schaltschrank, die seit etwa 2012 dort steht, weitgehend funktioniert und niemandem auffällt, bis ein Lüfter pfeift oder eine SD-Karte aussteigt. In ihrem Inneren sitzt in vielen Fällen eine Simatic-S7-Steuerung — meistens eine S7-300, gelegentlich eine S7-400, immer öfter auch schon eine frühe S7-1200 oder S7-1500. Die Frage, die uns Konstrukteure und Instandhalter regelmäßig stellen, lautet nicht “soll ich modernisieren”, sondern “wie lange trägt das noch”.
Die Antwort hängt an drei Dingen: an der Ersatzteilverfügbarkeit, an den Programmier-Werkzeugen und an der Frage, ob jemand im Haus die alte CPU-Sprache überhaupt noch lesen kann.
Ersatzteile: Original, Refurbish, Drittanbieter
Die S7-300 ist seit Oktober 2023 offiziell abgekündigt, mit zehnjähriger Reparaturzusage. Das heißt: bis 2033 gibt es noch Wege, eine defekte CPU zu ersetzen. Original-Neuware ist allerdings schon heute nur noch über Restbestände bei Distributoren wie EFC, GMC-Instruments oder direkt über Refurbish-Anbieter wie Tritec oder Repaircomp zu bekommen. Die Preise sind beachtlich gestiegen — eine CPU 315-2 PN/DP, die 2018 noch 850 Euro neu kostete, liegt heute refurbished bei 1.300 bis 1.600 Euro, je nach Zustand und Restgarantie. Wir empfehlen Betrieben, die produktiv noch S7-300-Stationen betreiben, mindestens eine Reserve-CPU pro Hauptbaureihe im Schrank liegen zu haben. Sechzehnhundert Euro sind ein Bruchteil dessen, was eine ungeplante Stillstandsstunde in einer Fertigungszelle kostet.
TIA Portal versus Step 7 Classic
Wer eine S7-300 programmieren will, hat zwei Wege: das alte Step 7 V5.6 (“Classic”) oder das TIA Portal mit Step-7-V5-Kompatibilität. Classic läuft seit Windows 10 nicht mehr offiziell, lässt sich aber mit etwas Bastelei (und einem Patch von Siemens) auf Windows 11 noch zum Leben bringen. Wir kennen einige Betriebe, die für ihre vier alten S7-300 noch ein dediziertes Windows-7-Notebook im Schrank liegen haben — pragmatisch, aber riskant. TIA Portal V18 unterstützt S7-300-Projekte als Migration, der Funktionsumfang ist aber nicht hundert Prozent identisch, und einige Bausteine aus Classic lassen sich nur mit Handarbeit übersetzen.
Für aktuelle S7-1200 und S7-1500 ist TIA Portal sowieso Pflicht. Die Lernkurve ist steiler als bei Classic, dafür ist das integrierte HMI-Engineering mit WinCC Comfort deutlich runder geworden.
Backup-Strategie: das Eine-Karte-Problem
Eine S7-CPU ohne MMC- oder SD-Karten-Backup ist eine fragile Sache. Wir haben in mehreren Werkstätten gesehen, dass das einzige Projekt-Backup auf der MMC der CPU lag — wenn die MMC stirbt, ist das Programm weg, und wenn der ursprüngliche Programmierer in Rente ist, beginnt eine teure Rekonstruktionsphase. Standard sollte sein: lokales TIA-/Step-7-Projekt auf einem Netzlaufwerk, gespiegelt auf ein externes Medium, mindestens halbjährlich auf einem Test-CPU eingespielt zur Verifikation.
Wann lohnt der Retrofit?
Faustregel aus mehreren Audits: wenn die Summe aus Ersatzteilrisiko (geschätzter Stillstand × Tagessatz), Programmier-Werkzeug-Aufwand (Lizenzen, Schulungen) und Kommunikations-Engpässen (Profibus, der mit moderner OPC-UA-Welt nicht mehr spricht) über drei Jahre größer wird als ein S7-1500-Retrofit, ist der Wechsel fällig. Ein typischer Retrofit für eine mittelgroße Fertigungszelle liegt zwischen 25.000 und 45.000 Euro, je nach Peripherie-Tiefe.
Für viele Mittelständler ist die ehrliche Antwort: nicht jetzt, aber in den nächsten fünf Jahren. Und genau für diesen Zeitraum lohnt sich ein sauberes Wartungskonzept mit Reserve-CPU, dokumentierter Backup-Routine und einem Notfall-Vertrag mit einem Refurbish-Anbieter, der innerhalb von 24 Stunden eine Ersatzeinheit auf den Tisch legt.